Biographien aus spanischen Tierheimen – Tierschutzfreund Fred, Tierarzt aus Berlin

Biographien aus spanischen Tierheimen

EIN BERICHT der Tierschutzorganisation TINI.VET e.V. über ihren Einsatz im Tierheim von Los Barrios/Spanien vom Oktober 2017

Viele Berichte werden über die Einsätze in Tierheimen von engagierten Tierschützern geschrieben. Es wird über die Einsatzbereitschaft der Hilfskräfte erzählt, über deren Leistungen und über die Motivation der Unterstützer. Wir wollen dieses Mal diejenigen in den Vordergrund stellen, um die es geht und Ihnen vier Biographien vorstellen.

PAMELA. Hinter dem provisorischen Aufwachraum für die Hunde, die so ruhig und ungestört wie möglich aus der Narkose zurück in den Tierheimalltag finden sollen, gibt es eine schwere, leicht rostige Eisentür. Schiebt man den schweren Riegel zur Seite, dann knirscht das Metall beim Öffnen in unangenehmer Weise für die Ohren.

Hinter der Tür treten wir in einen halbdunklen Gang, auf dessen linker Seite sich kleine Zementboxen anschließen, die einen etwa 50 cm hohen Ausgang in eine etwa 20 qm große umzäunte Freifläche haben. Alles betoniert, aus Hygienegründen, aus organisatorischen Gründen, um die Flächen schnell durch Ausspritzen mit dem Wasserschlauch kotfrei zu bekommen.

Auf der rechten Seite des Ganges ist eine Wand, mit kleinen Fenstern, die mit Spinnweben und Staub nur spärlich das Tageslicht durchlassen. Der Gang ist feucht und muffig und ich frage mich, ob ich dieses Interieur überhaupt bei vollem Licht sehen möchte. Dieses Ambiente hat etwas Unheimliches. Aus den einzelnen Betonboxen sind Geräusche zu hören: Ein Scharren, ein Klopfen, manchmal ein leichtes Winseln. Die Umrisse der Hunde darin schälen sich leicht aus dem Dunkel. Neugierde in einigen Augen, Angst in anderen, Skepsis, Freude…. Alle vorstellbaren Gemütsbewegungen. Fast allen Tieren gleich ist die Gier nach Aufmerksamkeit. Vom Hof dringt vielstimmiges Hundegebell herein. Dumpf. Von den Betonmauern abgedämmt. In der Mitte des Ganges ist ein Käfig, in dem selbst die Umrisse eines Hundes nur schwer erkennbar sind. Wir rufen ihren Namen: „Pamela“. Ein leises Scharren ist zu hören, dann ein Klopfen. Das Klopfen kommt von einem kleinen harten Schwanz, der rhythmisch erst gegen die Wand, dann gegen das Gestell aus Holz schlägt. Im Holzgestell liegt eine Wolldecke als Schlafplatz. Der kleine dicke Schädel der Staffordhündin ist nur zu erkennen, weil eine etwa zwei Euro große Blesse an der Halsunterseite das wenige Licht hier reflektiert. Pamela presst ihren Schädel gegen die Gitterstäbe, nicht nur der Schwanz, der ganze Hund scheint zu wedeln, zu vibrieren. Gierig leckt sie unsere Hand, als wir ihren Kopf streicheln wollen. Als wir die Gittertür öffnen, stürzt sich der kleine bullige Körper regelrecht in unsere Arme, soviele Liebkosungen zu erhaschen wie möglich. Sie weiß, dass die Zeit knapp ist, die Konkurrenz groß, deshalb muss sie sich beeilen uns so nahe wie möglich zu kommen. Jede erhaschte Aufmerksamkeit muss auch wieder lange vorhalten.

TEDD. Wenn es Hunde gibt, die weise schauen können, dann gehört Tedd in jedem Fall zu ihnen. Dieser große Schäferhund ist einer der ruhigsten Hunde hier. Traurig scheint er alles zu beobachten, was in seiner Umgebung passiert. Tedd ist das genaue Gegenteil von Pamela: Abwartend, beobachtend, kaum Gefühlsäußerungen bekundend, still. Er ist hier eher die Ausnahme: Tedd vermeidet Aufmerksamkeit. Wenn es Depressionen bei Hunden gibt, wir sollten vermuten, dass Tedd unter ihnen leidet.

Tedd hat schon viel erlebt in seinem fast 12-jährigen Leben. Er war als Personensuchhund, als sogenannter mantrailer, im Kosovo, in Afghanistan, hat eine lange Ausbildung in der Armee hinter sich und ist hochdekoriert. Tedd hat Menschenleben gerettet, im Krieg, bei Katastrophen. Er ist Verschütteten zu Hilfe gekommen, die unter Gebäuden lagen. Gebäude, die im Bombenhagel in Schutt und Asche gelegt wurden. Ganz vorn war er dabei, immer mitten drin, zwischen Leben und Tod. Aber noch nie war er dem Tod so nah wie jetzt. Kurz vor seinem Ausscheiden aus der Armee hat er noch die höchste Medaille bekommen, die Hunden zuteil werden kann. Dann ist er noch für zwei Wochen auf eine Deckstation mit läufigen Hündinnen gebracht worden um sein so wertvolles genetisches Material weiterzugeben. Wenig später ist er im Tierheim Los Barrios abgegeben worden, eskortiert von zwei Männern in Uniform, die Leine und Halsband aus gutem Leder wieder mitnahmen. Sie haben ihn nackt zurück gelassen. Nackt im Sinne von respektlos, schamlos, würdelos. In mir regt sich enormer Widerstand: Sind es nicht die Menschen, die uns davor warnen, Hunde zu „vermenschlichen“? Und also die gleichen Menschen, die Hunden Medaillen verleihen und sie für ihre Taten „dekorieren“? Jene Menschen also, die Tieren wie Tedd am Ende ihres Lebens, wenn der „Nutzen“, die „Gebrauchsfähigkeit“ nachlässt, den Respekt zu versagen, in Frieden und in Dankbarkeit ihrer Leistungen für uns Menschen zu altern?

In diesem Sinn ist Tedd eigentlich kein Hund. Er ist ein einsamer alter Herr. Er ist so etwas wie ein Gentleman unter den Hunden hier. Nie habe ich ihn bellen hören, nie Aufmerksamkeit für seine Person fordern. Tedd scheint sich mit allem abzufinden was passiert, hat man das Gefühl. Befehl ist Befehl. Sei es auch noch so hart für ihn.

Tedd hat eine inzwischen chronische Ohrenentzündung, die ich täglich behandle. Bei der Spülung der Ohren kommt blutiger Eiter heraus. Leichte Abwehrbewegungen zeugen vom Schmerz, aber nichts von Aggressivität. Tedd schaut hilflos und vermeidet den direkten Blickkontakt mit mir. Keine Mimik verrät Bitternis oder Wut. Grund hätte er. Anlass hätte er. Aber ich denke zu menschlich. Tedd schaut so, als wüsste er nicht, was er hier soll. So, als sei sein Hiersein ein großes Missverständnis. Tedd wartet. Das ist alles, was er tut. Er schmust nicht. Er sucht keinen Kontakt, weder zu anderen Hunden, noch zu Menschen. Tedd bleibt ein stiller Hund. Und wir? Es scheint, als hätten wir Menschen Tedd vergessen. Vor dem Vergessen hat man ihn entsorgt, weggeworfen. Nein, man kann nicht sagen, dass man ihm hier sein Gnadenbrot gibt, denn eine Gnade ist es mit Sicherheit nicht für ihn, hier zu leben. Das sähe anders aus.

MANOUKA. Seit sechs Jahren fahren wir nun schon nach Los Barrios um hier zu helfen. Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren dramatisch verschärft, jedenfalls was den Hundebestand angeht. Nicht die Anzahl, die ist in etwa gleich hoch geblieben, sondern die Zusammensetzung der Rassen. Früher dominierten Labradore, Podencos, Bodegueros und deren Kreuzungen. Heute sind 30 bis 40 Prozent American Staffordshire, Staffordshire Bull Terrier, Bullmastiff, American Pitbull, Rottweiler, Dogo und all deren Mischlinge. In Spanien braucht man mittlerweile eine Haltergenehmigung für diese Rassen. Diese hat kaum jemand. Also kommt die Polizei, beschlagnahmt die Tiere, spricht den Besitzern ein Halteverbot aus und liefert die Hunde im Tierheim ab.

Wie um dies zu unterstreichen, kommt ein riesiger, etwa 50 Kilo schwerer American Staffordshire über den betonierten feuchten Innenhof gerannt. In der Schnauze hat er ein dickes Stück einer Kordel zum Spielen, die er übermütig in die Luft wirbelt, um sie eine Sekunde später wieder zu fangen. Was mir Sorge macht ist, dass er in einem Affenzahn auf mich zukommt, der Boden sehr glatt ist und der Stafford ausgerechnet mit mir spielen will. Ich schaffe es auch nur knapp, durch den jetzt auf mich zuschlitternden Stafford nicht mit Wucht gegen die Eisengitter eines benachbarten Käfigs geschleudert zu werden. Begüternd tätschle ich sein kurzes Fell auf der straffen Haut am massigen Körper. Doch der Stafford ist schon wieder unterwegs zum anderen Ende des kleinen Hofes. Denn dort kommt Jorges zum Nachmittagsdienst. Und Jorges und „Mad“, der Staff, lieben sich. Ich habe keine Ahnung wie Jorges dem völlig ungebremsten Übermut dieses „Walrosses“ entkommt, aber er scheint es durch Geschicklichkeit zu schaffen. Manouka beobachtet diese Szene aus einer Ecke des Hofes. Selbst ihr scheint der Übermut von Mad etwas zu viel des Guten.

Als ich am Nachmittag vor Tedd knie, um ihm die Tropfen in die Wunden Ohren  zu geben, taucht Manouka zwischen Tedd und mir auf, wie eine Robbe aus dem Wasser. Mit ihren großen dunklen Augen schaut sich mich aus ihrem breiten muskulösen Gesicht an. Fragend. Vielleicht auch sagend: „Hier bin ich und nun?“ Über soviel unverschämte Aufdringlichkeit muss ich laut lachen. Manouka ist überall da, wo einer von uns ist und das zur gleichen Zeit. Schon am ersten Tag ist mir Manouka aufgefallen, weil sie zu allen anderen Hunden unglaublich nett ist, jeden begrüßt und so eine Art Herbergsmutter spielt. Als wir die ersten Hunde, noch narkotisiert, nach der OP in den Aufwachraum legen, kommt sie wie selbstverständlich mit und legt sich zwischen die Schlafenden. Vielleicht um sie zu beschützen. Vielleicht um sie zu wärmen. Vielleicht um sie hier nicht allein liegen zu lassen. Manchmal schläft sie dann selbst mit ein. Manouka.

All diese „Listenhunde“ werden hier in Spanien die PPP’s genannt. Als ich Edu frage, was das bedeutet, erklärt sie mir, dass dies die Abkürzung für „Perros potencialmente peligrosos” ist. Meite protestiert schrill und lautstark „Perros potencialmente perfectos“. Sie hat selbst zwei Staffordshire zu Hause, aus dem Tierheim gerettet. Ob sie eine behördliche Genehmigung dazu hat, frage ich lieber nicht.

Aber niemand kann mir die Frage beantworten, was mit den PPP’s passiert. Jeder schweigt dazu, alle zucken nur mit den Schultern. „Sie verrotten hier in den Käfigen, bis sie sterben„ sagt kopfschüttelnd Irene und geht, den Zigarettenstummel wegwerfend, in den zweiten Innenhof, um die Wannen mit frischem gespendetem Trockenfutter zu füllen. Ein wenig Resignation macht sich breit. In der Tat sind einige von diesen Listenhunden auch keine Tiere, denen ich ohne Gitter begegnen möchte. Wer hat sie so gemacht? Wer ist dafür verantwortlich? Und vor allem: Wie werden Menschen zur Verantwortung gezogen, die aus Tieren Kampfmaschinen machen? Für die Hunde ist die Abrichtung auf Aggressivität das Todesurteil. Das sind Momente, wo es mir relativ leicht fällt, an eine Hölle zu glauben. In den 70er Jahren waren es die Dobermänner, dann kamen die Rottweiler, später die Pitbulls, jetzt die Staffordshire Terrier. Und morgen?

Am Abend fahren wir zu Meite nach Algeciras, um noch einen sieben Monate alten Welpen anzuschauen, dem es nicht besonders gut geht. Sie hat den Welpen aus der Perera zu sich genommen, weil sie sich sorgt, weil sie ihn nicht allein im Tierheim lassen konnte. Meite wohnt direkt am Bahnhof der Stadt in einer kleinen dunklen Gasse. Sie empfängt uns an der Haustür und wir spüren, dass sie um jeden Preis den Blick ins Innere der Wohnung vermeiden will. Sie schämt sich. Die große etwas unförmige Frau mit etwa 40 Jahren schämt sich. Sie wird verlegen, redet viel und sucht nach Worten. Es fallen ihr viele ein, aber offensichtlich nicht die richtigen. Mir drückt sie den Welpen in die Hand, der vor Angst Urin absetzt.

Meite wohnt in einer Art Rohbau. Alles ist notdürftig zum Wohnen aufbereitet. Aus halb hochgezogenen Balustraden ragt noch der Armierungsstahl. Kaum eine Wand ist verputzt. Die Betontreppe ist nur gegossen, nicht verkleidet. Kein Geländer. Dieser Zustand ist nicht akut, er ist chronisch, denn das Armierungseisen ist lange schon rostig, die hinterlassene Schalung aus Holz teils zersplittert, teils vermodert. Es ist, als würden wir uns in einem sterbenden Tier befinden.

Meite hat eine 6-Tage-Woche. Sie arbeitet 8 Stunden und bekommt dafür 500 Euro. Sie ist eine der Wenigen im Tierheim, die überhaupt für ihre Arbeit bezahlt werden. Sie spritzt Käfige mit einem Wasserschlauch aus, wischt die Näpfe täglich, füttert die Tiere, lässt ausgewählte Gruppen der Hunde in bestimmten Zeitperioden im Innenhof spielen, streichelt sie, spielt mit ihnen, hat immer gute Laune, die sie schrill und temperamentvoll zum Besten gibt und ist weder kranken- noch rentenversichert von dem Geld, dass sie bekommt. Jetzt steht sie vor uns und schämt sich für ihr Dasein, für ihr Da-Wohnen.

 JOEYE ist der Neuzugang. Ein kleiner Bodeguero, dessen Haut so wund ist, dass er aus vielen Stellen blutet, dessen Fell und Haut so voller Parasiten steckt, dass durch exzessiven Juckreiz kaum noch ein Quadratzentimeter schorffrei zu sein scheint. Joeyes Augen sind entzündet, aus den Ohren haben wir ihm Zecken entfernt, streicheln wagt man kaum. Zum einen aus Angst seine zu Leder gewordene Oberfläche blutig zu streicheln, zum anderen, weil er so abgemagert ist, dass seine Rippenzwischenräume tiefe Kerben in seine Brust schlagen. Joeye kann noch nicht alt sein, vielleicht ein wenig älter als ein Jahr, aber seine Erscheinung ist die eines greisen Hundes. Sein Blick auch. Er ist scheu, vorsichtig und skeptisch. Alles, was um ihn herum passiert, erhascht er mit Blicken, analysiert er und wertet es für sich aus: Muss er sich zurückziehen? Ist vielleicht etwas zu Fressen in der Nähe? Kann er sich aus der Deckung wagen? Den ganzen Tag ist er in einem kleinen Drahtkäfig ganz in unserer Nähe. Man hört und man bemerkt ihn nicht. Den ganzen Tag nicht. Sein Fressnapf glänzt immer wie frisch ausgewaschen, so sauber ist es geleckt. Seine Decke ist nur im äußersten Winkel hinten von ihm belegt. Er macht sich so klein wie möglich. Dadurch wird seine Zierlichkeit noch unterstrichen.

Wir baden ihn täglich in einer Lösung, die Hautparasiten abtötet und die die Wundheilung auf der Haut fördert. Langsam, ganz langsam fasst er Vertrauen und freut sich schon verhalten, wenn wir uns dem Käfig nähern.

Am Ende unseres Aufenthaltes in der Perera ist Joeye so stabil, dass wir ihn kastrieren können. Und am nächsten Tag brechen wir wieder auf, in die Heimat, zurück nach Berlin, wo unsere eigenen Hunde warten. Die, die ehemals in Los Barrios, in La Linea, auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Rumänien oder im Slum von Bangkok gelebt haben, die jetzt täglich zwei Mahlzeiten bekommen, nachts nicht mehr frieren müssen, sich ab und zu aber immer noch ängstigen, aus der Erinnerung, aus ihrer Vergangenheit heraus. Die Hunde, die Familienmitglieder geworden sind. Wir kommen in eine Heimat, in der wir über unsere Arbeit kranken- und rentenversichert sind. Eine Heimat, in der wir unsere vermenschlichten Hunde tierisch gut behandeln. Und wir sind froh, dass das so ist. Unsere Tiere auch. Da bin ich mir sicher.

Dr. Fred R. Willitzkat
TINI.VET e.V.
Berlin, 13. November 2017

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